Konfrontation im pädagogischen Alltag - Netzwerk Konflikthilfe e.V.

Prävention – Intervention – Konfliktbearbeitung – AntiGewaltTraining
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Konfrontation im pädagogischen Alltag

Fachtage
Fachtag 20.07.2013
des Netzwerk Konflikthilfe e.V.
mit Prof. Dr. Ahmet Toprak

Am 20.07.2013 fand in den Räumen des CVJM Ludwigsburg der jährliche Fachtag des Vereins Netzwerk Konflikthilfe e.V. statt. Gastreferent Prof. Dr. Ahmet Toprak referierte dabei zum Thema:
„Konfrontation im pädagogischen Alltag“.

Die beiden Vorsitzenden Hans-Peter Menke und Wolfgang Kocher eröffneten den überwiegend von Fachkräften aus der sozialen Arbeit, Lehrer/innen und Polizei besuchten Fachtag.

Ahmet Toprak ist deutscher Professor für Erziehungswissenschaften an der Fachhochschule Dortmund mit türkischer Herkunft. Er besuchte die Grundschule in der Türkei, eine Hauptschule in Köln, erlangte die Allgemeine Hochschulreife, studierte in der Türkei und Deutschland Germanistik und Pädagogik. 2001 promovierte Dr. Toprak in Pädagogik an der Universität Passau und ist seit 2007 Professor für Erziehungswissenschaften an der FH Dortmund.

Er widmet sich als Autor Themen mit interkulturellem Ansatz wie „Interkulturelles Konfliktmanagement“ und der Situation deutsch-türkischer Migrantenfamilien und der Beratungsarbeit mit jungen Männern. In seinem Vortrag plädierte Dr. Toprak dafür, Methoden der Konfrontativen Pädagogik in der pädagogischen Arbeit mit Jugendlichen stärker anzuwenden und hält eine Stärkung der interkulturellen Kompetenz von Pädagogen/innen für wichtig.
Den Hintergrund hierfür bezieht Dr. Toprak aus seiner Ausbildung als Anti-Gewalt-Trainer und der sich anschließenden mehrjährigen praktischen Arbeit mit gewalttätigen Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

In seinem Vortrag, der sowohl Theorie, als auch Praxisbeispiele beinhaltete, näherte sich Toprak Aspekten, die aus seiner Sicht zu abweichendem Verhalten bei Jugendlichen führen können. Um den Bezug zu türkischstämmigen Jugendlichen herzustellen, referierte er zum Thema Islam, gab eine Beschreibung dessen, wie er konfrontatives Arbeiten in der Pädagogik versteht, und näherte sich der Bedeutung des Begriffs Ehre in der türkischen Sozialisation.
Dies gründet sich auf vier Aspekte:
  • Ansehen durch Dienste am Mitmenschen
  • (Bedingungslose) Verteidigung der Familienmitglieder
  • Höherstehenden darf nicht widersprochen werden
  • Würde (innere Haltung)

Dabei gelang es Dr. Toprak gut darzustellen, was für ihn die zentralen „Risikofaktoren“ sind, - wie er die Lebensbedingungen nennt - die die Entstehung von abweichendem oder gewalttätigem Handeln begünstigen.
Die Bereitschaft zu grenzenloser Loyalität im Familien- und Freundeskreis und die Übernahme von tradierten Männlichkeitsbegriffen wirken sich hier in Bezug auf die Einstellung zur Gewaltanwendung besonders stark aus.
Dr. Toprak betonte dabei aber deutlich, dass aus seiner Sicht nicht in erster Linie die möglicherweise großen kulturellen Unterschiede zwischen Lebenswelt der türkischstämmigen Jugendlichen und der hiesigen Gesellschaft die entscheidende Rolle spielen. Vielmehr sieht er die Entstehung von abweichendem Verhalten überwiegend bildungs- und milieuspezifisch begründet.

Risikofaktoren für abweichendes Verhalten sind:
  • eine geringe Schulbildung
  • eine geringe Berufsbildung
  • soziale Rahmenbedingungen wie die Wohnungs- und Arbeitsverhältnisse
  • Diskriminierungserfahrungen angefangen bei Erfahrungen bei „normalen“   Polizeikontrollen, bis zur Behandlung nach einer Straftat
  • eingeschränkte verbale Fähigkeiten und Ausdrucksmöglichkeiten
  • Kommunikationsverhalten (eher bedrohlich infolge innerer Unsicherheit)
  • Gewalterfahrungen im sozialen Umfeld (sowohl in der Familie wie auch in der per-group)
  • „Deutschenfeindlichkeit“ als verinnerlichtes Verhalten „ausländischer“ Jugendlicher

Männlichkeitskonzepte:
  • unhinterfragte Solidarität und Loyalität für den Freund, d.h. zueinander stehen unabhängig von Situation, Recht und Unrecht und Verteidigung der weiblichen Familienmitglieder
  • Männlichkeitskonzepte sind nicht migrations-spezifisch sondern milieuspezifisch!!
 
Grenzen der Freundschaft sind:
  • Beleidigung der weiblichen Familienmitglieder
  • Anzweifeln von Männlichkeit und Potenz
  • Beschimpfung als Homosexueller (Schwuler)
 
Männlichkeit gründet sich (bei den meisten Jugendlichen mit abweichendem Verhalten) auf:
  • geistige Stärke, d.h. Vereinbarungen (zumindest öffentlich) einzuhalten
  • körperliche Stärke – z.B. Kampfsport, der Besuch von Fitness-Centern
  • die Kontrolle der eigenen Gefühle (ein Mann darf nicht weinen)

Dr. Toprak führte aus, dass es in der pädagogischen Arbeit wichtig ist, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Es ist aber ebenso wichtig, über das Konfrontieren auf der Basis bereits geleisteter Beziehungsarbeit, sowie über die Grenzen der konfrontativen Gesprächsführung Bescheid zu wissen.
Als Zwischenfazit zeigt Dr. Toprak auf, dass Männlichkeitsnormen inszeniert sind und zur Abgrenzung genutzt werden – z.B. gegenüber „höheren“ Milieus.
Konfrontative Gesprächsführung kann mit „verstehen, aber nicht einverstanden sein“ zusammengefasst werden. Wichtig ist sich nicht von Nebenmotiven und Nebenschauplätzen verwirren zu lassen und auf der Durchführung des eigentlichen (Konfrontations-)Punktes zu bestehen.

Aspekte der konfrontativen Gesprächsführung sind:
  • Zielvereinbarung
  • Unnachgiebigkeit
  • widerlegen unwichtiger Argumente
  • ständiges Wiederholen
  • Unterbrechen und Verunsichern
  • keine Einsicht verlangen (!)
 
Dabei wies Dr. Toprak eindringlich darauf hin, der Auseinandersetzung mit der Bewertung von kulturspezifischem Verhalten oder Einstellungen nicht zu viel Raum zu geben. Denn „auf der Kulturebene kann man immer ausrutschen, egal, was man sagt!“ Abschließend bleibt festzuhalten, dass es Professor Dr. Toprak gelungen ist, mit seinem wissenschaftlichen Hintergrundwissen, seiner praktischen Erfahrung und seinem Wortwitz einen kurzweiligen, sehr interessanten und gewinnbringenden Fachtag zu gestalten.
 
Informationen über den Referenten und seine Tätigkeit finden Sie unter:













Prof. Dr. Toprak













Fotos: Fachtag 2013
© Copyright Thomas Häußler

Text erstellt von Silvia Bien
mit Ergänzungen von
Hans-Peter Menke




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